Ich lese, jeden Tag ein wenig, Adalbert Stifter, gesammelte Werke in sechs (dicken) Bänden aus dem Nachlaß meiner Tante (C.Bertelsmann-Verlag 1956).

Ich schätze seine langatmigen, romantischen Naturschilderungen und Landschaftsbeschreibungen. Sie sind heutzutage ein wertvoller Beitrag zur Entschleunigung unseres Lebens – und das tut uns gut.

Stifter war nicht nur ein begnadeter Dichter, sondern auch ein passionierter Maler und Zeichner. Seine Texte, die sich auf letzteres beziehen, sind auch heute noch, für Künstler wie auch Kunstkonsumenten, beachtenswert. Seine Sehnsucht nach Harmonie, seine harmonische Weltschau, sind auch wesentliche Bestandteile meiner Arbeit. So findet sich in ihm eine Seelenverwandtschaft, die ich immer mehr fühle.

In dem Band 4 „Der Nachsommer“ lässt er in dem Kapitel „Die Annäherung“ seinen Gastfreund, in Betrachtung einer antiken, gewandeten Frauenskulptur, folgendes äußern:

„Alle Stoffe, mit welchen Menschen sich bekleiden, nehmen nach der Art der Bewegungen, denen sich verschiedene Menschen gerne hingeben, verschiedene Gestaltungen an…. Solcher Bildung gegenüber legen manche Neue sogenannte edle Falten zurecht, bilden sie im Erze oder Marmor nach, vermeiden hierbei in sorglichem Maße zu große Einzelheiten, um nicht unruhig zu werden, und erzielen hiebei, daß aber in der Falte der Stoff des Werkes, nicht des Gewandes herrscht, daß man die marmorne, die erzene Falte sieht, daß das Gemüt erkältet wird und daß man meint, der Mann, der damit angetan ist, könne nicht gehen, weil ihn die erzene Falte hindere. Wie es mit dem Gewande ist, ist es auch mit dem Leibe, der das Gewand der Seele ist, und die Seele allein kann ja nur der Gegenstand sein, welchen der Künstler durch das Bild und Gleichnis des Leibes darstellt….

Bewegung kann die bildende Kunst, von der wir hier eigentlich reden, gar nicht darstellen. Da die Kunst in der Regel lebende Wesen, Menschen, Tiere, Pflanzen – und selbst die Landschaft trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen Wolken und ihrem Pflanzenschmucke dem Künstler ein Atmendes; denn sonst wird sie ihm ein Erstarrendes – dargestellt, so muß sie diese Gegenstände so darstellen, daß es dem Beschauer erscheint, sie könnten sich im nächsten Augenblicke bewegen….

Es ist begreiflich, daß die Grenzen zwischen dem Darstellbaren in der Bewegung nicht fest zu bestimmen sind und daß größere Begabungen viel weiter hierin gehen dürfen als kleinere. So sah ich schon sehr oft gemalte fahrende Wagen. Die Pferde sind gewöhnlich ihrer Fußstellung nach im schönsten Laufe begriffen, während die Speichen der Wagenräder klar und sichtbar in völliger Ruhe starren. Der größere Künstler wird uns den Nebel der sausenden Speichen darstellen und manches andere zutun und zusammenstellen, daß wir den Wagen wirklich fahren sehen….

Es ist diese Ruhe, jene allseitige Übereinstimmung aller Teile zu einem Ganzen, erzeugt durch jene Besonnenheit, die in höchster kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf, durch jenes Schweben über dem Kunstwerke und das ordnende Überschauen desselben, wie stark auch Empfindungen oder Taten in demselben stürmen mögen, die das Kunstschaffen des Menschen dem Schaffen Gottes ähnlich macht und Maß und Ordnung blicken läßt, die uns so entzücken. Bewegung regt an, Ruhe erfüllt, und so entsteht jener Abschluß in der Seele, den wir Schönheit nennen. Es ist nicht zu zweifeln, daß sich andere vielleicht anderes bei diesen Worten denken, daß dieses andere gut oder besser als das meinige sein kann – gewöhnlich geht es mit solchen Gangwörtern so, daß jeder seinen eigenen Sinn hineinlegt. Das beste ist, daß die schaffende Kraft in der Regel nicht nach solchen aufgestellten Sätzen wirkt, sondern das Rechte trifft, weil sie die Kraft ist, und es desto sicherer trifft, je mehr sie sich auf ihrem eigentümlichen Wege naturgemäß ausbildet. Für das Verständnis der Kunst, für solche, welche ihre Werke beschauen und sich darüber besprechen, sind Auslegungen derselben Einkleidung ihres Wesens in Worte eine nützliche Sache, nur muß man die Worte nicht zum Hauptgegenstande machen und auf einen Sinn, den man ihnen beilegt, nicht so bestehen, daß man alles verdammt, was nicht nach diesem Sinne ist….“

In einem Gespräch mit seinem Gastfreund, an anderer Stelle, steht zu lesen:

„ Oft habe ich schon gedacht“, sagte ich, „da die Kunst so sehr auf die Menschen wirkt,… ob denn der Künstler bei der Anlage seines Werkes seine Mitmenschen vor Augen habe und dahin rechne, wie er es einrichten müsse, daß auf sie die Wirkung gemacht werde, die er beabsichtiget.“ „Ich hege keinen Zweifel, daß es nicht so ist“, erwiderte mein Gastfreund, „wenn der Mensch überhaupt seine ihm angeborene Anlage nicht kennt… und wenn er mannigfaltige Handlungen vornehmen muß, ehe seine Umgebung ihn oder er sich selber inne wird… so wird er wohl im Wirken dieser Anlage nicht so zu rechnen imstande sein, daß sie in einem gewissen Punkte anlanden müsse; sondern je größer die Kraft ist, um so mehr glaube ich, wirkt sie nach den ihr eigentümlichen Gesetzen, und das dem Menschen inwohnende Große strebt unbewußt der Äußerlichkeiten seinem Ziele zu und erreicht desto Wirkungsvolleres, je tiefer und unbeirrter es strebt…

Es hat wohl Menschen gegeben, welche berechnet haben, wie ein Erzeugnis auf die Mitmenschen wirken soll, die Wirkung ist auch gekommen, sie ist oft eine große gewesen, aber keine künstlerische und keine tiefe; sie haben etwas anderes erreicht, das ein Zufälliges und Äußeres war, das die, welche nach ihnen kamen, nicht teilten und von dem sie nicht begriffen, wie es auf die Vorgänger hatte wirken können. Diese Menschen bauten vergängliche Werke und waren nicht Künstler, während das durch die wirkliche Macht der Kunst Geschaffene, weil es die reine Blüte der Menschheit ist, nach allen Zeiten wirkt und entzückt, solange die Menschen nicht ihr Köstlichstes, die Menschheit, weggeworfen haben….

Der Künstler macht sein Werk, wie die Blume blüht, sie blüht, wenn sie auch in der Wüste ist und nie ein Auge auf sie fällt. Der wahre Künstler stellt sich die Frage gar nicht, ob sein Werk verstanden werden wird oder nicht. Ihm ist klar und schön vor Augen, was er bildet, wie sollte er meinen, daß reine, unbeschädigte Augen es nicht sehen?…

Es sind dies die größten, welche ihrem Volke vorausgehen und auf einer Höhe der Gefühle und Gedanken stehen, zu der sie ihre Welt erst durch ihre Werke führen müssen. Nach Jahrzehnten denkt und fühlt man wie jene Künstler, und man begreift nicht, wie sie konnten mißverstanden werden. Aber man hat durch diese Künstler erst so denken und fühlen gelernt. Daher die Erscheinung, daß gerade die größten Menschen die naivsten sind….“

 

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